Natürlich unnatürlich? – Kinderwunsch

Kinderwunsch
Natürlich unnatürlich? – Kinderwunsch
Warum eine künstliche Befruchtung etwas ganz Natürliches ist
 
Wenn man ungewollt kinderlos ist, dies jedoch nicht einfach so hinnehmen möchte, dann fängt man an, sich zu belesen, sich mit Betroffenen zu unterhalten. Und hat irgendwann einen Berg an – zumeist unschönen – Fakten vor sich aufgetürmt, der Angst einjagt, der frustriert. Aber selbst der längste und anstrengendste Weg beginnt bekanntlich mit dem ersten Schritt. Mit einem „Wir wollen das! – Wir schaffen das!“. Wenn man erstmal SO WEIT ist, dann steht man bereits auf dem Zehn-Meter-Turm. Ist die lange Leiter bereits hochgeklettert, obwohl man doch eigentlich Höhenangst hat. Und jeder weiß: auf einem Zehn-Meter-Turm gibt es kein Zurück. Da gibt es nur den Sprung nach unten. Wenn man dann all seinen Mut zusammennimmt und springt – dann taucht man ein in dieses kalte Wasser und ist: glücklich,  – sich überwunden zu haben, entgegen aller Ängste, Befürchtungen und Zweifel. 
Meine Frau und ich sind seit dreizehn Jahren ein Paar. Nachdem unsere beruflichen Karrieren ganz gut vorangeschritten waren, wir uns durch Hochs und Tiefs gekämpft hatten, wuchs der Wunsch nach einer eigenen Familie. Und wie das meist so ist, „probiert man halt so rum“.  Nach etwa drei Jahren setzten Zweifel ein, die letztendlich in Untersuchungen endeten. Dass ich niemals auf natürlichem Weg ein Kind zeugen könnte, setzte mir anfangs schon zu. Irgendwie fühlte sich das ziemlich unmännlich an. Recht schnell jedoch überwog das positive Denken. Vielleicht redete ich es mir auch schön. Bezeichnete es scherzhaft als Beamtensperma. Null Prozent Beweglichkeit. Haha.
In jedem Fall ist es aber eine gute Sache, wenn sich die Frau später nicht mehr mit
Chemie vollstopfen muss, nur um den häuslichen Kindersegen im Zaum zu halten. 
Okay, abgehakt. Nächster Halt: Kinderwunschbehandlung. So ganz unsexy hieß
das ab sofort intrazytoplasmatische Spermieninjektion, kurz ICSI. Und so begann eine Zeit, die mit Romantik, oder wenigstens mit Sex im Sinne der Zielerreichung, überhaupt nichts mehr zu tun hatte. Es wurde eher so medizinisch. Vor dem eigentlichen Start der Behandlung stand eine Bauchdecken-und Gebärmutterspiegelung an. Um sicherzustellen, dass im Körper der hoffentlich zukünftigen Mutter optimale Bedingungen herrschen. 
Ich erinnere mich noch daran, als ich meiner Frau die erste Spritze setzte. Über mehrere Wochen sollten ihr so Hormone zugeführt werden, um die Eizellenproduktion auf Hochtouren zu bringen. Ich packte die Spritze aus, desinfizierte die Stelle, wo ich piksen wollte, setzte an und … konnte es nicht! Auch wieder irgendwie unmännlich. Was nun? „Los, wir fragen die Nachbarin! Die ist Krankenschwester, die kann das!“. – „Aber wir müssten schon noch ein wenig aufräumen, vielleicht auch mal durchsaugen.“ – „Ohhhh nee, ich mach das jetzt!“. Es fühlte sich wirklich nicht gut an. Aber es war in Ordnung, weil es wichtig war. Und so wurden wir Profis darin. Irgendwann war die Eizellenproduktion ausreichend vorangetrieben, der Bauch so dick wie üblicherweise im fünften Monat. Und es ging ab in die Klinik. Meine Frau entschied sich für einen ambulanten Eingriff, anstelle der Vollnarkose mit längerem Aufenthalt. Ziemlich schmerzhaft, so eine Eizellengewinnung. Und sie sagte: „Nie wieder ambulant“. Um es im Übrigen drei Jahre später wieder ganz genauso zu machen.
Im Gegensatz zu meiner Frau hatte ich eher so den entspannten Part. Weil ich lediglich kurz zuvor die Samenzellen „abliefern“ durfte. Sprich, ich füllte Formulare aus, gab Blut für einen HIV-Test ab und bekam einen Becher in die Hand gedrückt. Ich konnte mir natürlich ein „Einmal vollmachen?“ nicht verkneifen. Die Reaktion der Schwester hielt sich in Grenzen: „Einmal raus auf den Flur, nächstes Zimmer rechts“. Da stand eine schöne Ledercouch drin, mit einer breiten Papierrolle obendrauf. Ein Fernseher, DVDs. Was man eben so braucht. In mir wollte das sexy Feuerwerk jedoch nicht so recht zünden und so machte ich nichts weiter als – meinen Job. Und hoffte, dass niemand auf dem Flur herumschlich, wenn ich da so mit meinem Becherlein wieder rauskam. Gefühlt mit Kippe im Mundwinkel, das Hemd teils aus der Hose und die Haare auf halb neun. Egal, wir hatten ein Ziel. 
Samen und Eizellen wurden nun in der Petrischale verheiratet und kamen in den Brutschrank. Drei Tage später sollten wir für den Embryonen-Transfer erneut in die Klinik. 14 Tage später trat eine Blutung ein. Am nächsten Tag folgte ein Bluttest und die niederschmetternde Erkenntnis: Der Versuch war nicht erfolgreich. Der Körper meiner Frau zudem ziemlich mitgenommen: die Hormonspritzen hatten für Wassereinlagerungen und extreme Müdigkeit gesorgt. So gaben wir ihm einen Zyklus lang Zeit, sich zu erholen. Wir fuhren ans Meer, tranken weißen Glühwein am Strand und sammelten Kraft für den nächsten Anlauf. Glücklicherweise wurden beim ersten Versuch ausreichend Eizellen produziert, sodass wir einen Teil davon einfrieren lassen konnten. Zwei dieser „Eisbärchen“ wurden nun aufgetaut, zurück ins Leben geholt und in die, laut Prof, „wunderschöne Gebärmutter“ eingesetzt. Es war Gründonnerstag 2012, als ich im tristen, medizinisch-cleanen Klinikflur saß. Das Ambiente so gar nicht passend zum „Kinder machen“. Niedergeschlagen simste ich einem Freund: „Tja, jetzt sitz‘ ich hier so rum und hinter dieser Tür befruchtet der Prof meine Frau“. Ich weiß seine Antwort nicht mehr, aber ich denke, er wird mir Mut zugesprochen haben. Eines dieser Eisbärchen hatte offenbar den gleichen Geschmack wie der Professor und fühlte sich wohl in der Gebärmutter meiner Frau. So wohl, dass es zwei Jahre später schließlich aus seinem Beistellbettchen im elterlichen Schlafzimmer ausziehen musste, um seinem Brüderchen darin Platz zu machen …
Die Natur findet immer einen Weg. Und wenn sie uns Menschen so schlau gemacht hat, dass wir derartige Möglichkeiten finden können, dann KANN dieser Weg nicht unnatürlich sein. Lasst euch nichts anderes einreden. Denkt nicht ausschließlich darüber nach, was richtig und was falsch ist. Was alles passieren könnte. Wann der richtige Zeitpunkt sein könnte. Hört auf euer Herz. Denn es schlug schon, bevor ihr denken konntet.
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