Breifrei, Beikost, Gläschen, Familienkost und Co

Heute gibt es Input für die Mamas die es ganz genau wissen wollen – ein Interview mit Juliana Morelli Bell: Kochbuchautorin, Mama und die Gründerin von “Kinderernährung mit Freude”. Sie verrät uns alles über die verschiedenen Ideen und Philosophien wenn es ums Essen mit der ganzen Familie geht.

Knirpse-Blog: Liebe Juliana, Du hast zwei Bücher über Beikost und Familienessen geschrieben und hältst bei uns im Knirpse & Co Workshops zu genau diesen Themen. Hast Du eine gute Nachricht für uns Mamas wenn es um das Thema „Essen“ geht?

Juliana: Absolut, heutzutage wissen wir so viel über das Thema „Essen“. Mit diesem Wissen können wir unsere Kinder viel einfacher beim gesamten Entwicklungsprozess des „Essen lernens“ unterstützen. Bei diesem Prozess geht es um viel mehr als „nur“ Nährstoffe zu sich zu nehmen. Verschiedenste Details spielen hier eine wichtige Rolle: Kulturelle, affektive, psychologische, soziale, sensorische und motorische Aspekte.
Wir Eltern dürfen unsere Kinder bei diesem Prozess unterstützen, damit es ein „guter Esser“ werden kann.

Beim Essen lernen  geht es um viel mehr als „nur“ Nährstoffe zu sich zu nehmen.

K: Und was ist ein “guter Esser“?
J: Ein Kind, das seinen eigenen Bedürfnisse folgt: es erkennt, wann es hungrig und wann es satt ist. Außerdem hat es gelernt, welches naturbelassene Lebensmittel seine Bedürfnisse stillt.

Beikost

K: Baby-led-weaning (BLW) und „Breifrei“ sind aktuell ziemlich angesagt – das sogenannte „Baukastensystem“ wird dagegen immer wieder kritisiert – was bedeuten die einzelnen Begriffe denn eigentlich?

J: Baby-led-weaning und Breifrei sind zwei Begriffe für die gleiche Methode.
Die deutsche Übersetzung für BLW ist „babygeleitete Beikost“. Das Wort „weaning“ wird in USA als „Abstillen“ benutzt. In England aber, wo die Methode herkommt, ist der gesamte Prozess des „Essen beginnen“ gemeint, welcher parallel zum Stillen geschieht. Das plötzliche oder schnelle Abstillen ist nicht das Ziel, sondern der Lernprozess.

Das Baukastensystem legt den Fokus auf die Fütterung und die Nährstoffversorgung. Dabei wird vergessen, dass wir Menschen über eine ganz natürliche Selbstregulierung verfügen, die leichter zu verlernt wird, wenn der Erwachsene versucht, die Essensmenge zu kontrollieren. Das kennt doch jeder: Manchmal reicht uns ein Salat und manchmal muss es einfach ein Schäufele sein. Genauso geht es unserem Kind.

Beim Breifrei-Prinzip hat das Kind die Gelegenheit, die Lebensmittel kennenzulernen, sie zu unterscheiden und den eigenen Bedürfnisse zu folgen. Dabei bleibt die Muttermilch die Hauptnahrungsquelle. Hier wird nicht davon gesprochen, dass das Essen eine Mahlzeit ersetzt. Das sollte auch nicht sein, denn Muttermilch ist schließlich kalorischer und nahrhafter als zum Beispiel ein Karottenbrei1.

Wenn wir wissen, dass unser Kind gut versorgt ist und beim Essen Spaß hat, weil es die Freiheit hat auszuprobieren, dann können wir als Eltern ganz entspannt damit umgehen. Bei BLW liegt der Fokus also beim gesamten Prozess des „Essen lernens“ und alles läuft in seiner Zeit – auch das Abstillen.

Für mich ist Brei vergleichbar mit einem Lauflernwagen: Das Kind benötigt keine Unterstützung durch einen solchen Wagen um Laufen zu lernen, denn jedes Kind wird es zu irgendeinem Zeitpunkt können.

Wir Eltern wollen unterstützen und wir Eltern fordern – dabei vergessen wir manchmal das Wichtigste: die Bedürfnisse unseres Kindes.

Aber nicht jede Familie fühlt sich mit BLW wohl. Häufig ist die Unsicherheit rund um die Nährstoffversorgung oder der kritische Druck aus der Familie zu groß. Manchmal fühlt man sich dem Gedanken, kein Brei zu geben, einfach noch nicht gewachsen. Für diese Familie habe ich ein neues Konzept entwickelt, die

Partizipative Beikost-Einführung. Hier lernt man das Kind in seinen Bedürfnissen und seiner Entwicklung richtig zu unterstützen, auch wenn mal Brei vom Löffel angeboten wird.

K: Gibt es denn wissenschaftliche Belege für die unterschiedlichen Arten und Weisen mein Baby an feste Nahrung zu gewöhnen?

J: In den letzten Jahren gibt es zunehmend große Studien zum Thema „Breifrei“ bzw. „BLW“ (Baby-led weaning – babygeleitete Beikost). Letztes Jahr zum Beispiel ist eine große Studie über Eisenaufnahme in der Türkei2 gemacht worden. In 2016 in Australien3 über Erstickungsgefahr und die Resultate zeigen, dass die Eisenversorgung nicht geringer oder mangelhaft ist im Vergleich zur Breikost, wenn das Kind bei der Nahrungsauswahl selbst entscheiden darf. Die Gefahr, sich zu verschlucken, ist auch nicht größer bei BLW als bei Brei. Im Gegenteil: ein Kind, das rechtzeitig das Kauen gelernt hat, kann mit Lebensmittel im Ganzen viel besser umgehen als ein Kind, welches länger püriertes Essen bekommen hat. Man muss sich aber immer gut informieren, um das Baby in seiner Entwicklung unterstützen zu können.

Die Resultate zeigen, dass die Eisenversorgung nicht geringer oder mangelhaft ist im Vergleich zur Breikost.

K: In den unterschiedlichen Kulturkreisen wird mit dem Thema Familienkost ganz anders umgegangen. Parmesan in Italien, Jogurt in Indien. Du hast brasilianisch-italienische Wurzeln und hast unter anderem auch in den USA gelebt – so hast Du sicherlich einige Erfahrungen mit den unterschiedlichen Ernährungsphilopsophien, oder?

J: In Brasilien gibt es eine reichhaltige Auswahl an Obst, Gemüse und auch stärkehaltigen Wurzeln, die den Babys angeboten werden. Meiner Erfahrung nach werden in Brasilien, Italien und auch Frankreich viel naturbelassene Lebensmittel verwendet.

Dagegen sehe ich in Deutschland eine Tendenz zum Fertigprodukt – ähnlich wie in den USA vor 20 Jahren. Diese Produkte werden viel beworben und wollen den Eltern eine vermeintliche Sicherheit und ein einfaches Handling vermitteln.

K: Viel diskutiert werden ja klassischerweise Milch und Salz, da zu viel davon schädlich für die Nieren sein kann – worauf sollte ich bei der Kost für mein Baby achten?

J: Das Essen für ein Baby sollte definitiv salzarm sein und statt dessen verschiedene frische Kräuter enthalten. Ein Gericht darf auch dezent mit Zwiebeln, Sellerie oder Knoblauch gewürzt sein – so wie man eben zuhause isst.
Kuhmilch muss meiner Meinung nach nicht sein. Calcium findet sich auch in Mineralwasser und in Lebensmitteln wie Brokkoli oder Spinat. Außerdem sind die Kinder durch die Muttermilch oder Pre-Nahrung sehr gut versorgt. Ein Wechsel zur Kuhmilch ist nicht notwendig.

Wenn Du aber gerne Kuhmilch magst und es Dein Kind zum Trinken geben möchtest, dann bitte nur im zweiten Lebensjahr. Als Maß empfiehlt das Forschungsinstitut für Kinderernährung pro Tag nicht mehr als 350 bis 400 ml Kuhmilch. Wenn Dein Kind gerne Jogurt, Quark oder Käse isst, reduziere bitte die Milchmenge.

K: Kinder und auch Babys lieben Süßes. Je älter das Kind wird, desto intensiver werden die Diskussionen über Lutscher, Schokolade und Co. Wieviel Zucker darf mein Kind denn essen?
J: Im ersten Lebensjahr sollte ein Baby gar keinen raffinierten Zucker oder industrialisierten Zuckerersatz essen. Am besten noch bis zu Ende des zweiten Lebensjahrs. Unser Körper braucht Kohlehydrate als Energielieferant, die genug in naturbelassenen Lebensmitteln vorhanden sind. Wenn wir zu früh mit industriell gefertigten Lebensmittel in Berührung kommen, machen wir die Erfahrung, dass unser Energiebedarf so sehr schnell gestillt wird. Die Energie hält dafür aber nicht lang an, wir bekommen schnell wieder Hunger. Hier spreche ich zum Beispiel über Quetschies, Kekse, Lutscher, Gummibärchen & Co. Etwas Marmelade auf dem Brot zum Frühstück, Trockenfrüchte, Kompott mit Quark, ist kein Problem.

Gerade wenn Kinder zwischen 2 und 3 einen riesigen Entwicklungssprung machen, haben sie einen erhöhten Energiebedarf. Hat das Kind gelernt, diesen Bedarf mit Süßem zu decken, verschmäht es das Gesunde.
Grundsätzlich kann man Zucker und industrialisierte Lebensmittel in der Familienküche sehr gut ersetzen.

Babygeleitete Beikost

K: „Mein Kind isst wie ein Spatz.“ – das hört man oft von Eltern oder auch der Eindruck, das Kind ernähre sich ausschließlich von drei unterschiedlichen Lebensmitteln: Nudeln, Gelbwurst und Apfelschnitze. Was rätst Du den Eltern?

J: Uns Eltern wird immer wieder vermittelt, beim Essen gehe es primär um die Versorgung mit Nährstoffen. Aber auch das kognitive Lernen beim Prozess des Essen ist extrem wichtig: Das Kind hat eine ganz subjektiven Blick auf die Situation am Esstisch: Welche Rituale gibt es? Bekomme ich sofort etwas Anderes vorgesetzt, wenn ich Unbekanntes nicht probieren mag? Wie ist die Stimmung – Ist meine Mutter genervt? Wie ist das Angebot an Nahrungsmitteln generell?
Etwas zu Lernen braucht immer seine Zeit, es ist ein transdisziplinärer Prozess über viele Monate. Denn viele Dinge geschehen gleichzeitig: Am Anfang dieser Prozess verschwindet der Zungenstoßreflex und der Magen-Darm-Trakt entwickelt sich, gleichzeitig verfeinert das Kind seine motorischen Fähigkeiten.

Wir als Eltern sollten bei der „Entdeckung von Lebensmitteln“ unterstützen – beim Riechen, Sehen, Anfassen, Hören und Schmecken.

Beim Brei wird diese kindliche Entdeckung etwas ausgebremst: das Kind sieht und riecht die unterschiedlichen Komponenten nicht – das Kennenlernen von Lebensmitteln verschiebt sich nach hinten. Viele Kinder haben hinterher Anpassungsschwierigkeiten und wollen zum Beispiel nur Püriertes essen oder ein bestimmtes Lebensmittel in seiner natürlichen Form nicht probieren.
Das gemeinsame Essen am Familientisch ist daher zu empfehlen. Es sollte immer positiv besetzt sein, es sollte nicht an Bedingungen geknüpft sein, wie beispielsweise „Wenn Du nicht aufisst, dann gibt es kein…“
Größere Kinder dürfen bei der Zubereitung mithelfen und bei der Auswahl der Mahlzeiten miteinbezogen werden. Das sinnliche Erleben beim Essen sollte immer eine große Rolle spielen und die Versorgung mit Nährstoffen ist auch von der Qualität des Angebots abhängig. Bei der Menge sollten wir lernen, unserem Kind mehr zu vertrauen.

K: Was lerne ich in Deinen Workshops?

J: Wir schauen uns in allen Kursen genau an, wie der Lernprozess des Essens funktioniert und wie ich mein Kind in seiner jeweiligen Entwicklungsphase unterstützen kann.
Aktuell biete ich drei verschiedene Kurse an:
„Baby Led Weaning“ also Babygeleitete Beikost/Breifrei – hier geht es um die Entwicklung des Kindes und wie du dein Baby vertrauens- und respektvoll in seiner Selbständigkeit und seinen Fähigkeiten unterstützen kannst. Wir sprechen über Sicherheit, Erwartungen und selbstverständlich auch über Lebensmittel.

Im Kurs „Partizipative Beikosteinführung“ geht es ebenfalls um die Entwicklung des Kindes, Respekt, Vertrauen und Selbständigkeit. Es geht aber auch um Kommunikation, denn das Angebot „Brei vom Löffel“ wird nicht ausgeschlossen.

Hier lernt ihr worauf es bei Beikost wirklich ankommt und dass Essen anbieten, etwas anderes als Füttern ist.

Im Workshop „Familienkost“ geht es dann darum wie es nach der Beikost Einführung weiter geht. Manche Eltern sind unsicher und können hier Fragen stellen oder möchten sich einfach über den Übergang vom Brei auf feste Kost, ausgewogene Ernährung und Lebensmittel oder evtl. Probleme beim Essen informieren.
In allen Kursen steht der Austausch und der Wunsch, unsere Kinder beim Essen und im Umgang mit Lebensmitteln wertschätzend und achtsam zu begleiten.

K: Herzlichen Dank, liebe Juliana für Deine Zeit und Deine Informationen!

1 Muttermilch: 75 Kcal/100 ml; Karotten-Kartoffelbrei: 39 Kcal/100g
2 Oguz Erkan Dogan, Gonca Yilmaz, Nilgun Caylan, Mahmut Turgut, Gulbin Gokcay, Melahat Melek. Pediatrics International 2018 – Baby-led complementary feeding: a randomized controlled study.
3 L. Fangupo, A. Heath, S. Williams, L. Erickson Williams, B. Morison, E. Fleming, B. Taylor, B. Wheeler, R. Taylor. Pediatrics Sep 2016, e20160772; DOI: 10.1542/peds.2016-0772 – A Baby-Led Approach to Eating Solids and Risk of Choking

Hier gehts direkt zu Julianas Workshops

Babygeleitete Beikost – BLW 

Partizipative Beikosteinführung 

Alles rund um die Familienkost